Hierarchie? Konkurrenz? Menschlich, allzumenschlich!

Posted by gruppewiderspruch on 22. März 2026

[1] Unter den Begründungen, warum Marktwirtschaft, Volksherrschaft und Rechtsstaat, also demokratisch organisierter Kapitalismus, die einzig mögliche und wünschenswerte Form der Organisation einer Gesellschaft sind, ist die angebliche Natur des Menschen ein Dauerbrenner. Dazu darf jede bürgerliche Wissenschaft gerne ihren Beitrag leisten, indem sie zeigt, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse so sind, wie sie sind, weil der Mensch so ist, wie er eben ist. Auch die Psychologie, also die institutionalisierte und organisierte Verrätselung des Denkens, Fühlens, Meinens und Handelns bürgerlicher Subjekte ist da gefragt.

[2] Geradezu mustergültig hat das Sebastian Herrmann in der Süddeutschen Zeitung am 10./11. Januar 2026 mit seinem Artikel „Das Märchen von der Gleichheit“ vorgemacht. Unter Berufung auf Philosophen, Psychologen und ganz viele Studien behauptet er, dass keine Gesellschaft wirklich gerecht sein  könne. Darum müssten „Gleichheitsutopien“ (inklusive der „großen Gleichheitsutopien Kommunismus beziehungsweise Sozialismus“) stets an den gleichen Wänden des Menschlichen zerschellen. Zur Abwechslung kommt er nicht mit der angeblichen Knappheit der Güter angesichts angeblich unendlicher Bedürfnisse1. Sondern mit der Psychologie. Denn: „Gleichheit ist als Ideal attraktiv, als gelebter Zustand jedoch unerträglich, weil in den Menschen ein unstillbarer Geltungsdrang blubbert.“ Das Blubbern kommt daher: „Menschen befinden sich in einem nie endenden Wettkampf um Prestige und um sozialen Status, immer und zu jeder Zeit. Jeder möchte gesehen werden, Wertschätzung erfahren, Respekt und Aufmerksamkeit erhalten. Diese Sucht […] ist von Exklusion und Knappheit getrieben: Aufmerksamkeit für den einen ist die fehlende Wertschätzung für den anderen.“ Das ist nicht etwa eine Folge einer Gesellschaft, in der es Hierarchien und Konkurrenzen um die Plätze in den Hierarchien gibt. Nein, nein, das sei eine „universelle menschliche Eigenschaft, die kulturunabhängig weltweit zu beobachten“ sei. „Triebkraft ist der menschliche Geltungsdrang“, Status ist laut dem britischen Wissenschaftsautor Will Storr ein „essenzielle[r] Nährstoff“, den der Mensch angeblich ebenso braucht, „wie er Wasser, Nahrung und Sauerstoff zum Überleben“ benötige. Deswegen könne es „niemals Gleichheit unter Menschen geben, weil sich jeder mit anderen vergleicht und diesen Vergleich gewinnen möchte“. Uff.

[3] Das „Beweisverfahren“ ist dabei immer gleich schlicht: Mensch schaut sich an, wie sich Leute in modernen, westlichen Gesellschaft verhalten – wobei Gründe für dieses Verhalten nicht weiter thematisiert werden, und häufig von allen Zwängen, Notwendigkeiten, Aus- und Einsortierungen usw. abstrahiert wird. Die Verhaltensweisen und die geistigen Leistungen, die die Leute so erbringen, wenn sie sich und diese Gesellschaft mit ihren Konkurrenzen und Hierarchien rechtfertigen, beschönigen oder auch nur aushalten wollen, werden verwandelt: in mehr oder weniger überlebensnotwendige Eigenschaften der Menschennatur; oftmals erworben auf der Flucht vor den Säbelzahntigern. Und, oh Wunder, heraus kommt zumeist, dass die schlechte Meinung, die die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft über alle anderen Leute haben – alles rücksichtslose, unvernünftige Nimmersatte – völlig zutreffend und wissenschaftlich bewiesen ist. (Drei Tage später informiert uns Sebastian Herrmann in der gleichen Zeitung, eine Studie zitierend, dass es „einen Zusammenhang zwischen den Einstellungen und Grundüberzeugungen von Forschern und den Ergebnissen ihrer Analysen“ gibt. Na sowas!) Damit ist nicht nur die bestehende Gesellschaft gerechtfertigt, sondern auch jeder sinnvollen Veränderung dieser Gesellschaft eine Absage erteilt: denn eine Gesellschaft ohne Konkurrenzen und Hierarchien wäre eben nur ein schöner Traum, der dann notwendigerweise zu sehr unschönen Realitäten (Parteidiktatur, Straflager usw.) führt. Denn an der Menschennatur vergeht man sich nicht ungestraft!

[4] Aber woher kommt eigentlich die schlechte Meinung der Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft über sich und andere? Warum haben Aussagen, die alle Menschen als gierig, kurzsichtig, dumm, rücksichtslos usw. darstellen, für viele Leute Überzeugungskraft? Moderne Menschen sind Konkurrenzsubjekte: in vielen Bereichen der Gesellschaft konkurrieren sie gegeneinander, um Noten, Abschlüsse, Arbeitsplätze, Posten, Geld, Wohnungen usw. Und zwar nicht, weil sie wollen, sondern weil sie müssen – weil der Staat die entsprechenden Bereiche des gesellschaftlichen Lebens als Konkurrenz organisiert hat. In dieser Konkurrenz geht es darum, Erfolg nicht nur zu haben, sondern ihn auch aufrechtzuerhalten und gegen alle anderen zu verteidigen. Dazu gehört auch, diesen Erfolg zu zeigen und andern unter die Nase zu reiben, um Respekt vor dem eigenen Erfolg zu erreichen. Diese permanente wechselseitige Rücksichtslosigkeit verlängern viele Menschen auch in Bereiche, in denen sie eigentlich nicht gezwungen wären zu konkurrieren und zu denen das auch gar nicht so gut passt: Freundschaften, Liebschaften, Hobbys usw. und so fort. Häufig ist das auch eine Kompensation: Also dass Leute ihre – wirkliche oder eingebildete, relative oder absolute – Erfolglosigkeit in einer ganzen Reihe von Konkurrenzen, mit ihrem wirklichen oder auch nur eingebildeten Erfolg bei irgendetwas anderem ausgleichen wollen, um ihr Selbstbild als Erfolgsmensch zu erhalten. Wenn das viele tun, und sich das somit in einer Gesellschaft durchgesetzt hat, so ist diese Konkurrenz dann auch ein Zwang für alle anderen, die nicht mehr beschließen können, aus dieser Konkurrenz mal eben auszusteigen oder die zumindest einige Nachteile in Kauf nehmen müssen, wenn sie sich nicht so benehmen. Die Vorstellung davon, dass alle immer eigentlich nur ihren Erfolg gegen andere realisieren wollen, ergibt sich aus der Maßlosigkeit des Erfolgs in der kapitalistischen Konkurrenz: Geld, Macht und Ansehen kann mensch im Kapitalismus tatsächlich nie genug haben – denn die Konkurrenz schläft nicht. So erwächst aus Verhältnissen ein Verhalten, dass diese Verhältnisse als logisch und einzig möglich erscheinen lässt.

[5] Natürlich kann mensch solche Artikel wie den aus der Süddeutschen Zeitung auch einfach lachend weglegen. Zumeist verrät das „Menschenbild“ eines Menschen mehr über ihn als über den Rest der Menschheit. Insoweit stellt der Artikel eventuell einen interessanten Einblick in den Redaktionsalltag einer liberalen Tageszeitung dar, dafür schon mal vielen Dank. Albern ist bereits schon die vom Autoren vorgenommene Gleichsetzung von „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“. Wird Ungleiches gleich behandelt, hält sich die Ungleichheit (oder wird sogar verschärft), und ob das nun wieder „gerecht“ ist…? Bei dieser Debatte sollte mensch aber gar nicht erst mitmachen. Denn sowohl Gerechtigkeit als auch Gleichheit sind keine guten Konzepte, zumindest wenn Mensch eine Gesellschaft schaffen will, in der möglichst viele Bedürfnisse von möglichst vielen Menschen befriedigt werden (vgl. u.a. Kritik des Gothaer Programms MEW Bd. 19, S.18ff., v.a. 21 ff. wo Marx schon die alte Sozialdemokratie von solchen Phrasen abbringen wollte). Gerechtigkeit ist ein abstrakter moralischer Maßstab, und in der Tat ein Ideal des Mangels. Nach dem kann es auch ganz „gerecht“ sein, wenn am Ende alle sterben, leiden oder weinen – Hauptsache keiner/em geht es „ungerechtfertigt“ gut und das Elend ist gerecht verteilt! (So meinen die meisten Verfechter:innen von Gerechtigkeit das natürlich nicht, aber darauf läuft es dann – leider nicht nur theoretisch – oft hinaus). Und „Gleichheit“ ist sowieso ein ganz schauderhaftes Ideal, von dem wir gar nicht wissen, was daran attraktiv sein soll. Da halten wir es doch eher mit dem alten Edel-Sozialdemokraten Adorno, dass es darauf ankommt, ohne Angst verschieden sein zu können. Aber zugestanden: was sich heute so links fühlt, und eine andere Gesellschaft überhaupt noch bespricht, hat häufig diese Ideale im Kopf. Und, letztes Zugeständnis: wäre es so, wie Sebastian Herrmann und die bürgerliche Psychologie behaupten, dann hätte auch eine vernünftig organisierte Gesellschaft zumindest einen ganzen Haufen Probleme, die das Zusammenleben nicht gerade einfacher machen würden.

[6] Aber es ist gar nicht so. Zum einen ist die Naturalisierung schlichtweg Quatsch: es wird das Verhalten und Denken von vielen Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts in westlich-kapitalistischen Gesellschaften munter auf das Handeln von allen möglichen Menschen unter allen möglichen gesellschaftlichen Umständen in allen möglichen Situationen projiziert. Nicht mal in heutigen westlichen Gesellschaften verhalten sich alle Leute dauernd so anerkennungswütig. In vielen vorkapitalistischen Gesellschaften gab es zwar Hierarchien, aber ganz ohne Konkurrenz oder mit Konkurrenz nur innerhalb der Elite, und weder Statusaufstieg noch Statusabstieg waren für die meisten Leute drin. Und in vielen Teilen der Welt ist statt des Selbstverwirklichungsidealismus der Gemeinschaftskonformismus angesagt; von all den Leuten, die hoffen, bloß nicht aufzufallen, gar nicht zu reden. Alles nicht erstrebenswert, aber ganz sicher anders, als was uns da als Menschennatur präsentiert wird. Zum zweiten schießt sich die Argumentation selber ins Bein, wenn sie – um nachzuweisen wie allgegenwärtig die Konkurrenz um den Status ist – selbst erklärt, dass es “viele Felder“, gibt, „auf denen Status, Prestige und die individuellen Plätze in der sozialen Hierarchie ausgekämpft werden“. Also: selbst wenn die Leute so vermurkst wären, wie es die Psychologie behauptet, gäbe es ja genug unterschiedliche Spielfelder für die vielen kleinen Egos um sich als erfolgreich zu fühlen. Und damit gar keinen sachlichen Grund, warum sich alle dauernd ins Gehege kommen müssten… Zum dritten, für die Psychologie aber völlig undenkbar, können Leute auch mit ihrem Anerkennungsbedürfnis (und ihren Verlustängsten) vernünftig umgehen, und sie zum Beispiel kritisieren. D.h. dann nicht, dass das Bedürfnis oder die Angst automatisch weg ist, wohl aber, dass mensch sein eigenes Verhalten nicht unbedingt daran ausrichten muss. Viertens sei aber noch mal darauf hingewiesen, dass in einer vernünftig organisierten Gesellschaft die Menschen viel weniger Zeit auf die Arbeit verwenden müssten, und es dann doch stark die Frage wäre, ob die Aufmerksamkeit, die einem Menschen gespendet wird, dem anderen fehlt, oder ob nicht genug Zeit für Aufmerksamkeit, Freundlichkeit, Liebe, Wertschätzung usw. gegenüber vielen Menschen vorhanden wäre. Und zwar ganz ohne Gruppenzwang zum Gruppenkuscheln (s. nächsten Punkt.).

[7] Der Artikel arbeitet die ganze Zeit mit dem Scheitern einer Aussteigerkommune am Monte Verita, in der Anfang des 20. Jahrhunderts Leute versuchen wollten „im Einklang mit sich und der Natur […], erfüllt von Liebe und Respekt füreinander, in völliger Gleichheit“, also ganz anders zu leben (wen’s interessiert: https://de.wikipedia.org/wiki/Monte_Verit%C3%A0). Leicht hämisch kommentiert der Artikel: “Aber natürlich zerstritt sich die Gemeinschaft zügig”. “Natürlich”, weil  das eben ein “anthropologisches Muster” sei: Sehnsucht nach Gleichheit gibt’s, aber klappt in der Praxis im Großen wie im Kleinen nicht. Dieses illustrierende Beispiel taugt als Argument gegen eine andere Gesellschaft aber nun gar nichts. Wenn sich bürgerliche Konkurrenzsubjekte, ohne jede vernünftige Kritik an Konkurrenz und Hierarchie, und ohne Analyse ihrer Ursachen, aber bewaffnet mit einem ganzen Haufen verkehrter Ideale zusammenrotten, um ganz viel Gemeinschaft miteinander zu erleben, dann sind zwei Dinge vorprogrammiert: Entweder erbitterte Hahnen- und Hennenkämpfe, weil das Anerkennungsbedürfnis ja nicht thematisiert und kritisiert ist, geschweige denn seine Ursachen thematisiert wurden. Oder Psychosekte, wo den Leuten die im Namen der Harmonie, die vollständige Unterordnung ihrer Wünsche, Bedürfnisse und Interessen auferlegt wird und mit schlechten Argumenten ein schlechtes Gewissen gemacht wird. Oder beides (denn meistens hat die Psychosekte ihre Gurus, die geradezu mustergültige Exemplare bürgerlicher Konkurrenzsubjektivität sind). Die ganze Idee, mal eben aus der Gesellschaft auszusteigen, und ein wirklich ideales Zusammenleben zu verwirklichen, ist zum Scheitern verurteilt, und hat mit vernünftiger Gesellschaftskritik nichts zu tun. Zwar könnten Menschen mit einer vernünftigen Kritik (nicht nur an Staat, Kapital, Gesellschaft, sondern eben auch bürgerlicher Subjektivität) sich im Zusammenleben – wechselseitiges Wohlwollen beim vernünftigen Umgang mit den eigenen und anderen Macken vorausgesetzt – schon einigen Quatsch ersparen. Die Gründe für das Konkurrieren um den Platz in den verschiedenen Hierarchien in dieser Gesellschaft wird damit aber eben nicht abgeschafft, und so bleibt die gesellschaftliche Grundlage „für den menschlichen Geltungsdrang“ erhalten. Die abzuschaffen ist die Voraussetzung für ein gutes Zusammenleben von Leuten, im Kleinen, wie im Großen.

[8] P.S. Uns gefällt der Gedanke „Wohlstand dämpft Statuskämpfe nicht, er verlagert und verschärft sie“ richtig gut. So eine schöne Begründung für Verarmungspolitik – dämpft Statuskämpfe, schafft besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt – haben wir lange nicht gelesen. Herr Merz, übernehmen Sie!

1 Siehe zur Kritik dieser Ideologien „Nimmersatt in Kummerland“, im Buch „Die Misere hat System“ https://widerspruch.noblogs.org/post/2019/08/01/die-misere-hat-system-kapitalismus-2/

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