Wenn ‚Dein‘ Land Dich ruft, sag’ lieber: NEIN.

Posted by gruppewiderspruch on 28. Februar 2026

Wir sehen seit einigen Wochen immer deutlicher, dass sich eine Welt der Großmächte herauszubilden beginnt. In dieser Welt weht ein rauer Wind. Und den werden wir auf absehbare Zeit zu spüren bekommen“ , so hat Bundeskanzler Merz in seiner Regierungserklärung am 29. Januar 2026 die Weltlage zusammengefasst[1],und dafür viel Zustimmung bekommen. So soll das patriotische „wir“ also die Welt sehen: Großmächte sind die anderen, und die sorgen für ziemlich viele Probleme für „uns“. Gegen den „rauen Wind“, den diese Großmächte „uns“ entgegenpusten, müssen „wir“ uns schützen.

Und es kann niemand behaupten, der Bundeskanzler verschweige, wie er sich das vorstellt: „Wir werden unsere Vorstellungen nur dann auf der Welt, jedenfalls zum Teil, durchsetzen können, wenn wir auch selbst die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen, wenn wir selbst eine europäische Macht werden.“ Neben mehr Geschlossenheit in der Europäischen Union und der Verbesserung der „Wettbewerbsfähigkeit“ der deutschen Wirtschaft heißt das für ihn: „Wir müssen unsere Sicherheit selbst in die Hand nehmen“. Oder anders formuliert: Deutschland soll in den nächsten Jahren „kriegstüchtig“ werden, also sich darauf vorbereiten, dass seine Soldat:innen in den Krieg gegen andere Länder ziehen können. Angeblich damit es dazu gar nicht erst kommt: Dafür soll die Bundeswehr größer werden. Zunächst auf freiwilliger Basis – aber schon mal so, dass die Bundeswehr auch die Daten von denen bekommt, die nicht zur Bundeswehr wollen. Damit der Staat weiß, wen er ‚einziehen‘ kann, wenn er beschließt, dass es das braucht.

Dabei gibt es in der Politik zwar durchaus Verständnis dafür, dass Leute sich weder totschießen lassen wollen, noch andere totschießen möchten. Aber, so sagen die Politiker:innen von SPD, Grünen, FDP, CDU, CSU und teilweise der AfD: Geht nicht anders. Das glauben auch viele andere: Deutschland muss beschützt werden (wegen Russland), Deutschland muss sich selber schützen können (weil auf die USA kein Verlass mehr ist), Deutschland muss in der Lage sein, seine Interessen auch militärisch durchzusetzen (weil es sonst von China und dem Rest der Welt nicht ernst genommen wird).

Dafür sollen alle Menschen in diesem Land ran. Zunächst die Jüngeren, die 18 sind oder es in den nächsten Jahren werden. Und dann Stück für Stück auch die anderen.

Und da stellt sich doch die Frage: Warum sollten wir kostbare Lebenszeit, und im schlimmsten Fall sogar Gesundheit und Leben dafür opfern?

 

Patriotismus – versteht sich doch von selbst?

Es wird häufig gesagt: das „eigene“ Vaterland zu verteidigen sei eine „patriotische Pflicht“.[2] Viele Menschen sind der Ansicht, dass es da keine weiteren Argumente bräuchte, sondern Geburt oder Zugehörigkeit zu einem Land automatisch bedeutet, dass mensch bereit ist, dafür zu sterben und zu töten. Für sie ist der „deutsche Soldat“ eben „der geborene Verteidiger seines Landes“, der „deutschen Schicksalsgemeinschaft“ (Rüdiger Lucassen, AfD, 5.12.2025 im Deutschen Bundestag).

Diese Patriot:innen — und zwar wirklich nicht nur die von der AfD — sind in der Regel davon überzeugt, es gäbe deswegen viele verschiedene Völker in der Welt, weil jedes Volk qua Natur ein ganz spezifischer Menschenschlag, eine vorstaatliche Gemeinschaft sei. Die Gemeinsamkeiten, die das belegen sollen (Sprache, Kultur, Religion, Mentalität, Sitten, Gebräuche usw.) werden dabei einer ideologisch-interessierten Betrachtung unterzogen: Aus wandelbaren gesellschaftlichen Verhaltensweisen werden so natürliche Wesenseigenschaften der Volksangehörigen gemacht. Die echte oder vermeintliche Einheitlichkeit von z.B. Sprache und bestimmten Bräuchen auf einem bestimmten Territorium soll dann einen guten Grund dafür abgeben, dass die dort lebenden Menschen gemeinsame Interessen hätten, denen durch den eigenen Nationalstaat dann Rechnung getragen werde. Das ist aus mehreren Gründen falsch: Einerseits weil die realen Vereinheitlichungen von Kultur, Sprache etc. eben nicht einfach „natürlich“ entstanden sind, sondern als direktes Produkt von (nationalstaatlichen und früheren) Gewaltverhältnissen. Andererseits, weil die Eigenschaften, die den gemeinsamen „Volkscharakter“ begründen sollen, für sich genommen gar keine wirklichen Argumente dafür sind mit anderen Leuten zusammen Gesellschaft zu machen. Insbesondere dann, wenn man ansonsten in ziemlich harte Interessensgegensätze zu ihnen gestellt ist. Sie sind also eher Bebilderungen des realen staatlichen Zwangszusammenhangs. Entsprechend bunt wird es denn auch, wenn ein Patriot mal erklären soll, was denn die „Schicksalsgemeinschaft“ so ausmachen soll: „Unsere Kultur, unsere Kinder – Goethe, Schiller, Eichendorff, Wagner –, Potsdam, Dresden, München, der Rheingau, die Schwäbische Alb, die Alpen, unsere Wälder und Seen, das deutsche Essen, die Nordsee, die Größe, die Tragik, das Immer-wieder-aufstehen-Können“ (Rüdiger Lucassen, in der gleichen Rede). Aus diesem wirr-absurden Kuddelmuddel kann sich jede:r aussuchen, was „Deutschland“ ausmachen soll. Was nicht auftaucht: die real existierende Vielfalt und die vielen Gegensätze in dieser Gesellschaft.

Daneben gibt es aber auch die, die in bestimmten „Werten“ bzw. der Zustimmung dazu, das eigentliche Fundament des Vaterlandes und der Liebe zu ihm sehen.

Das Deutschland, das wir voranbringen wollen, ist im Übrigen ein Land, in dem Deutschsein nicht völkisch bemessen wird, sondern nach den Prinzipien unserer Verfassung.” (Helge Lindh, SPD, 18.09.2025 im Deutschen Bundestag)

Ob Deutschland „vorangebracht“ werden soll, steht also schon mal nicht zur Debatte. Ebenso klar ist für den SPD-Mann, dass das „Deutschsein“ eine so feine Sache ist, dass es „bemessen“ wird. Von wem? Vom Staat, nach den Prinzipien seiner Verfassung! Gemeint sind dabei vermutlich Menschenwürde, Freiheit, Recht usw. Wir übersetzen: Nicht aus einer inneren Natur soll das Volk Volk sein. Sondern aufgrund einer gemeinsamen Wertschätzung der Spielregeln des deutschen Staates. Dieser Verfassungspatriotismus sieht darüber hinweg, dass sich die Menschen diese Regeln ja gar nicht aussuchen können. Sondern sie praktisch gezwungen sind, sich die staatlich gesetzten Rahmenbedingungen, inklusive ihrer Prinzipien, zu eigen zu machen, um ihr Leben in diesem Staat und seinem Gemeinwesen bestreiten zu können.

In Wirklichkeit ist es so, dass Staaten Gebiete beanspruchen und Menschen als Volk in Beschlag nehmen und behandeln, und eine Gesellschaft voller Interessengegensätze einrichten. So wollen Patriot:innen das aber gerade nicht sehen. Sondern: Ein Volksangehöriger sei da am Besten aufgehoben, wo er im „eigenen“ Staat lebt, also von Leuten regiert wird und mit Leuten zusammenlebt, die dem „eigenen“ Volk angehören und eben diese Gemeinsamkeiten besäßen, und darum zusammen eine mehr oder minder harmonische (Volks-)Gemeinschaft bilden. Diesem Staat habe dann jede:r Volksangehörige wegen seiner Leistungen für die Gemeinschaft auch eine Verpflichtung gegenüber.

Aus dem bloßen Umstand heraus, dass Menschen in einem bestimmten Land geboren wurden, und vom Staat als Bürger:in in Beschlag genommen und beansprucht werden, soll also die Pflicht entstehen, diesen Staat bis aufs Messer zu verteidigen.

Die Vaterlandsliebe wird schon dadurch beeinträchtigt, daß man überhaupt keine richtige Auswahl hat. Das ist so, als wenn man die lieben soll, die man heiratet, und nicht die heiratet, die man liebt.“ (Bertolt Brecht: Flüchtlingsgespräche, GW 14, S.1452)

 

Vaterlandsliebe einseitig, toxisch, tödlich.

Erwartet wird also von all den Leuten, die ein Staat als sein Volk zusammenfasst, eben noch etwas mehr, als bloß sich an die Gesetze und Regeln des Zusammenlebens zu halten. Sie sollen ihre Nation, also ihren Staat, lieben, sich mit ihm identifizieren, sich als Teil eines großen „Wir“ empfinden, das dann auch wichtiger ist als das kleine „Ich“ mit seinen kleinlichen Interessen. Daraus kann mensch schon mal einen Schluss ziehen: die Vaterlandsliebe ist eine sehr einseitige Sache; die Leute sollen ihr Vaterland lieben – aber dass ihr Vaterland sie zurück liebt, und ihre Interessen, Wünsche und Bedürfnisse wichtig nimmt, ist nicht versprochen. Eher das Gegenteil: Gut moralisch soll der einzelne Mensch seine Bedürfnisse, Wünsche und Interessen hinten anstellen, wenn es um „Größeres“ nämlich „uns alle“ geht.

Im „wir“ steckt aber nicht nur die Behauptung einer Gemeinsamkeit mit lauter Leuten, die mensch gar nicht kennt, und mit denen es auch durchaus Gegensätze gibt (dazu gleich mehr). Darin steckt auch ein Gegensatz zu allen anderen Menschen, die nicht zu diesem „wir“ gehören. Und insoweit ist die Nation, noch bevor ein Schuss fällt oder eine Drohne losfliegt, eine potenzielle Kriegserklärung an den Rest der Menschheit. Nämlich vor allem dann, wenn dein „wir“ einen Gegensatz zu deren „wir“ hat, und es deswegen zu Konflikten zwischen euren Staaten kommt. Denn dann ist keine sachliche Klärung, worin dieser Gegensatz besteht, gefragt. Auch der Hinweis, die andere Person könne ja wohl für die Entscheidungen „ihrer“ Regierung nichts, soll dann irrelevant sein. Dann wird Parteinahme erzwungen.Und im äußersten Fall, im Krieg, die Tötung von Ausländer:innen, weil sie Ausländer:innen sind.

Dafür sollen die jungen Menschen sich in Zukunft herumkommandieren lassen, durch den Schlamm robben und sich darauf vorbereiten, andere Menschen gegebenenfalls umzubringen, falls ihr Staat das von ihnen verlangt.

Herr K. hielt es nicht für nötig, in einem bestimmten Lande zu leben. Er sagte: »Ich kann überall hungern.« Eines Tages aber ging er durch eine Stadt, die vom Feind des Landes besetzt war, in dem er lebte. Da kam ihm entgegen ein Offizier dieses Feindes und zwang ihn, vom Bürgersteig herunterzugehen. Herr K. ging herunter und nahm an sich wahr, daß er gegen diesen Mann empört war, und zwar nicht nur gegen diesen Mann, sondern besonders gegen das Land, dem der Mann angehörte, also daß er wünschte, es möchte vom Erdboden vertilgt werden. »Wodurch«, fragte Herr K., »bin ich für diese Minute ein Nationalist geworden? Dadurch, daß ich einem Nationalisten begegnete. Aber darum muß man die Dummheit ja ausrotten, weil sie dumm macht, die ihr begegnen.«“ (Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner. GW Bd. 12, S. 378)

 

Opfer Dich auf für Freiheit und Wohlstand!

Nun ist der Spruch: „Du bist nichts – dein Volk ist alles“ heutzutage kaum mehrheitsfähig. Zu solch radikalem, unbedingtem Patriotismus wollen darum viele Leute, die ihr Vaterland lieben, nicht aufrufen. Darum argumentieren sie häufig damit, wie gut es den Menschen in diesem Land gehe. Neben dem Lebensstandard, der persönlichen Sicherheit und der trotz allem doch ganz gut funktionierenden Infrastruktur fallen ihnen die ganzen Rechte und Freiheiten ein, die die Leute hierzulande genießen (dazu gleich mehr). Daraus, dass alles so gut eingerichtet sei in diesem schönen Land, schließen sie messerscharf: Dass es zur „Bürgerrolle“ eben dazu gehöre, diese Lebensverhältnisse – und also den Staat, der sie gewährt und sichert – im Ernstfall auch zu verteidigen. Aus dem Interesse an einem guten Leben folgt für sie also die Pflicht, auf genau dies im Zweifelsfall zu verzichten und sich selbst aufzuopfern.

Und das ist ja schon eine ziemlich selbstschädigende 180-Grad-Wendung: Vom Standpunkt eines vernünftigen Eigeninteresses aus würde mensch die Aufgabe von Freiheit und Leben, den ihre angebliche „Verteidigung“ im Krieg erfordert, nicht mitmachen. Eben weil mensch tot oder schwerst verwundet auch nichts mehr von ihnen hat.

 

Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann…“ – warum eigentlich nicht?

Auch schon bevor der Staat Ernst macht und Leben, Gesundheit und Eigentum seiner Bürger:innen im Krieg riskiert, können einem erhebliche Zweifel kommen, ob dieses Land wirklich so toll und seine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung es wirklich wert sind, sie mit dem eigenen Leben zu verteidigen.

Die meisten Menschen in diesem Land müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, weil sie keine andere Einkommensquelle haben. Finden sie niemanden, der ihre Arbeitskraft benutzen will, sind sie arbeitslos, und dürfen sich auf Armut und Schikanen durch Behörden einstellen. Finden sie einen Arbeitsplatz, so dürfen sie sich den Rest ihres Lebens für anderer Leute Reichtum krummlegen. Also ihre Energie, ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Gesundheit dafür einsetzen, dass aus dem Eigentum anderer Leute mehr wird. Zur Belohnung für diesen Dienst dürfen sie zittern, ob ihre Arbeitgeber:in ihre Arbeitskraft in Zukunft noch braucht. Und sich sagen lassen, dass sie mal härter arbeiten sollten, damit Deutschlands Wirtschaft funktioniert.

Wohlhabend werden sie dabei jedenfalls nicht: Obwohl Deutschland eines der reichsten Länder der Welt ist, ist es doch so, dass für viele Menschen am Ende des Geldes noch relativ viel Monat übrig ist. Und selbst wer ganz ordentlich verdient, sorgt sich häufig vor der nächsten Mieterhöhung, Wirtschaftskrise oder Inflation. Wer sich in den Großstädten Deutschlands umschaut, wird einiges an offensichtlicher Armut finden. Wer in die Statistiken guckt, wird sehen, dass keineswegs alle Leute einen hohen Lebensstandard haben, sondern der Reichtum sich ziemlich ungleichmäßig über die Gesellschaft verteilt und es mit den Aufstiegschancen für viele Leute ziemlich mau aussieht. Und nicht nur das: Überall in diesem Land finden sich handfeste Gegensätze. Dauernd bestreiten sich Leute gegenseitig ihre Interessen. Es wird um Marktanteile, Arbeitsplätze, Wohnungen und vieles mehr konkurriert. Dass es dabei  ständig auch jede Menge Verlierer:innen gibt, liegt in der Natur der Sache. Kurz: In diesem Gemeinwesen werden eine ganze Menge Leute regelmäßig in ihren Interessen geschädigt  und das ist kein Zufall. Es ist das notwendige Resultat dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.In der müssen die Gesellschaftsmitglieder auf Grundlage des staatlich gesetzten Eigentums gegeneinander um den Reichtum konkurrieren. Und aus Geld mehr Geld zu machen, ist das herrschende ökonomische Prinzip.

 

Immer noch besser als…“

Auf diese und andere Kritiken an Deutschland und der hiesigen Gesellschaft wird allzugern mit einem Vergleich „nach unten“ geantwortet. Dabei wird daraus, dass es woanders ja noch deutlich schlechter sei, ein Grund für die Güte Deutschlands gemacht: Hierzulande darf mensch z.B.immerhin zwischen verschiedenen Parteien frei, gleich und geheim wählen. Das stimmt. Allerdings darfst Du bei den Wahlen nur entscheiden, wer Dich regiert – dass regiert wird, steht schon mal fest. Andere wichtige Fragen stehen auch nicht zur Entscheidung, z.B. was und wofür produziert wird. Und dass die Parteien im Wesentlichen das gleiche Ziel haben – Deutschland groß und mächtig – und sich maximal über den Weg dahin streiten, macht ja schon die Frage auf: Wer entscheidet hier über was, und für wen sind Wahlen eigentlich ein Mittel wofür?

Immerhin, werden Leute nun sagen, darf mensch in diesem Land alles Mögliche kritisieren, ohne verhaftet zu werden. Der Staat gewährt grundsätzlich Meinungsfreiheit, das stimmt. Aber was heißt das? Einerseits definiert der Staat durch die Meinungsfreiheit einen Rahmen, in dem er das Meinungsäußern zulässt. Er bestimmt was überhaupt als zulässige Meinung gilt und was nicht mehr (Beleidigung, Volksverhetzung etc.). Die Meinungsfreiheit sollte also nicht mit dem Heraushalten des Staates aus der Sphäre des geäußerten Meinens seiner Bürger:innen verwechselt werden.

Andererseits macht der Staat dadurch, dass er (im genannten Rahmen) alle Meinungen – ungeachtet ihres Inhaltes – gleichermaßen zulässt und schützt, auch direkt klar, dass es mit dem Geltendmachen der Meinung nicht so weit her sein kann. Mensch darf einiges meinen, aber sollte nicht darauf hoffen, dass daraus auch etwas folgt. Wer trotzdem hofft und versucht, der eigenen Meinung Geltung zu verleihen, verlässt die Sphäre der Meinungsfreiheit und bekommt es schnell mit der staatlichen Gewalt zu tun. (Wir erinnern nur an die “Klimakleber”)

Zusätzlich lassen sich bestimmte Themenbereiche feststellen, in denen der Staat, oder zumindest einzelne seiner Abteilungen, die Freiheitsrechte der Bürger:innen faktisch besonders stark einschränken und besonders gewaltvoll vorgehen. So etwa bei den propalästinensischen Protesten geschehen, welche die deutsche Staatsräson bezüglich Israels kritisierten. Was von den ganzen Rechten und Freiheiten übrig bleibt, wenn Deutschland dann wirklich mal selbst Krieg führt, wollen wir uns an dieser Stelle gar nicht ausmalen.

Daran ist zu denken, wenn mensch das nächste Mal aufgefordert wird doch seine kritische Klappe zu halten, weil nämlich die großzügige Erlaubnis zur Kritik Grund zur Dankbarkeit sei – und sich deswegen schon mal gar nicht gegen den Staat richten dürfe, der so nett ist, eine:n nicht gleich einzusperren.

Nun gut, werden einige sagen, aber dafür sind Lebensstandard und persönliche Freiheit hierzulande doch besser.

Dass es in anderen Weltgegenden genauso schlimm und häufig sogar schlimmer aussieht – das stimmt. Und es ist sicherlich ein Herz erwärmender Gedanke, dass es den Menschen in Bangladesch, Mali oder Venezuela deutlich schlechter geht als Dir. Vergiss das nicht, wenn Du auf der Krebsstation liegst, während die Ärzt:innen noch rätseln, ob es das Mikroplastik in deinem Blut, die Pestizidrückstände in deiner Nahrung oder der Feinstaub in deiner Lunge sind, die Dich langsam umbringen. Vielleicht geht es aber auch etwas schneller, wenn ein multiresistenter Keim – von der deutschen Massentierhaltung frisch auf deinem Tisch – die Sache etwas beschleunigt. Forschung nach weiterhin wirksamen Antibiotika war leider nicht lukrativ für die Pharmaindustrie. Aber vermutlich ist das Gesundheitssystem bis dahin so privatisiert, dass Du’s eh selber bezahlen und es Dir sowieso gar nicht hättest leisten können.

Und falls Du in Zukunft zu denen gehörst, die die Erderwärmung vorzeitig killt, sei nicht böse. Es hat nun wirklich niemand wissen können, dass brasilianische Agrarfirmen noch mehr Regenwald abholzen, um mehr Steaks nach Europa zu verkaufen – was sie konnten, weil Deutschland seine Autos nach Südamerika billiger verkaufen wollte. Für ein gutes deutsches Wirtschaftswachstum – Mercosur! – müssen alle Opfer bringen. Auch Du. Das ist doch wirklich immer noch besser als…

Fazit: Wir sagen: Wer für Deutschland kämpft, verteidigt nicht sich selbst, nicht seine Liebsten oder gar ein „uns“, sondern die Interessen eines Herrschaftsapparats und die Existenz eines für den Großteil der Menschheit schädlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Und damit auch die staatliche Gewalt über eine:n selbst!

Darum: Wenn ‘Dein’ Land Dich ruft, sag lieber: NEIN!

[1] Alle Zitate von Merz siehe https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-und-abos/bulletin/bk-regierungserklaerung-2405056)

[2] In unserem Text „Will Deutschland sich bloß verteidigen?“ haben wir uns damit auseinandergesetzt, ob dieses schöne Märchen vom friedlichen Deutschland, das von seinen Gegnern und Feinden gezwungen wird, aufzurüsten, eigentlich stimmt. In diesem Text geht es uns vor allem um die „patriotische Pflicht“.

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