„Die Reichen wollen den Krieg“? „Kein Blut für Öl“? Kapitalismus und Krieg – was sie wirklich miteinander zu tun haben
Posted by gruppewiderspruch on 28. Februar 2026
„Wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und die Fähigkeit, die Weltpolitik mitzugestalten, sind zwei Seiten derselben Medaille“ (Friedrich Merz). Wenn es um Deutschlands Zukunft geht, dann geht es also nicht bloß um Aufrüstung und Krieg. Sondern recht regelmäßig geht es auch um „Wettbewerbsfähigkeit“ des „Standorts“ Deutschland. Dass es dabei um mehr geht, als bloß darum, dass Güter und Dienstleistungen möglichst „regional“ bereit- und hergestellt werden, lässt sich schnell feststellen. An der „wirtschaftlichen Stärke“ eines Staates entscheidet sich eben auch, ob er international seine Interessen durchsetzen kann. Aber wie ist das Verhältnis zwischen Wirtschaft bzw. Kapitalismus und Krieg? Was veranlasst Unternehmen dazu, den nationalen Rahmen zu verlassen, und mit Geld und Waren weltweit zu hantieren? Und was will der Staat damit und davon? Und was hat das mit Krieg zu tun? Darum geht es im folgenden Text.
Jeder entwickelte kapitalistische Staat will Land und Leute anderer Staaten für die eigene Wirtschaft nutzbar machen. Ansonsten wären nämlich die einheimischen Unternehmen gerade mal auf das verwiesen, was sich im eigenen Land an Bodenschätzen, Wissen, Arbeitskräften usw. tummelt. Damit allein ist aber ein Wirtschaftswachstum oft gar nicht oder doch zumindest nicht so, wie erwünscht und benötigt, zu machen. Hochwertige Produktion erfordert den Handel mit anderen Nationen; egal ob es um Autos, Computer, Smartphones, Flugzeuge, Satelliten oder Raketen geht. Und seit der „Globalisierung“ und weltweiten Lieferketten stimmt das noch mal zusätzlich: Zugriff auf Waren und Daten, störungsfreie Kommunikation und Handelsrouten sind notwendig, sonst steht alles still. Deshalb wird die ganze Welt als Material für das eigene Wirtschaftswachstum betrachtet.
Konkurrenz um den Reichtum der Welt.
Die modernen Nationalstaaten befinden sich in Konkurrenz zueinander. Das Gerede von der „Wettbewerbsfähigkeit“ und vom „Standort“ besagt genau dies: Jeder moderne Nationalstaat will und muss den nationalen Reichtum mehren. Er muss es, weil dieser Reichtum seine Gesellschaft und ihn selbst mit allem versorgt, was es zum Funktionieren braucht; alles im Kapitalismus ist eben vom Wirtschaftswachstum abhängig gemacht. Er will es, weil seine Wirtschaft selbst ein Machtmittel für ihn ist, die ihm die Durchsetzung seiner Interessen ermöglicht.
Es geht um Marktanteile, Freihandelszonen und Zölle, Preise und Steuern, Genehmigungen und Gesetze, Währungen und Waren, Eigentum und Beteiligungen, Rohstoffe, Maschinen und Verkehrswege, Kredite, Anleihen und Investitionen, Arbeitskräfte und Konsument:innen. Oder kurz: um alles, was es braucht, als Mittel oder als Voraussetzung, um aus Geld mehr Geld zu machen.
Denn davon, dass das klappt, ist alles in dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung abhängig: Ob Unternehmen genug Gewinne machen, ob Leute ihre Arbeitsplätze behalten, ob der Staat sich finanzieren kann — also genug Steuern und Abgaben einnimmt bzw. (günstige) Kredite bekommt — und ob er andere Staaten mit seiner wirtschaftlichen Macht gefügig machen kann.
Den staatlichen Akteuren geht es also nicht um ein besonderes Unternehmen, und nur selten – bei sehr großer Abhängigkeit des Rests der Wirtschaft – um eine besondere Industriesparte. Es geht dem Staat schlicht um alles. Er fasst die wirtschaftlichen Aktivitäten in seinem Land allgemein zusammen, und vertritt sein Interesse am erfolgreichen Gelingen der Geldvermehrung gegenüber anderen Nationen. Dabei versucht er zu prüfen, welche wirtschaftlichen Maßnahmen, Verträge und Entscheidungen ihm selbst als Machtapparat nützen oder schaden, und welche Auswirkungen sie auf seine Gesellschaft haben.
Problem: Souveränes Gegenüber
Jeder Staat hat da ein Problem: Es gibt noch mehr von seiner Sorte. An deren Grenzen endet zwar seine Herrschaft, aber eben nicht seine Interessen. Jeder moderne Staat findet in jedem anderen Staat mindestens ein potenzielles Hindernis für sein Interesse. Aber zumeist sogar einen Widersacher, mit dem gleichen und darum (!) entgegengesetzten Interesse. Denn wenn jeder gewinnen will, will auch jeder, dass die anderen zumindest nicht im gleichen Maße gewinnen oder sogar verlieren. Ein ausgeglichenes Verhältnis ist da von vornherein ausgeschlossen, da jeder die terms of trade so haben will, dass sie der eigenen Nation nützen — und das heißt, dass sie im Regelfall anderen schaden oder mindestens nicht im gleichen Maße nutzen. Direkt oder indirekt, indem sie Abhängigkeiten befestigen, Geschäfte verunmöglichen, Reichtum abfließen lassen usw. Gibt es doch mal eine „Win-Win“-Situation geht die mit schöner Regelmäßigkeit zu Lasten Dritter, Vierter, Fünfter…
Welthandel ist eben kein freundliches Tauschgeschäft, wo Kiwis und Kartoffeln in Weltgegenden wandern, wo es sie nicht gibt, und alle zum Schluss gewonnen haben — die Kartoffelbauern die Kiwis, und die Kiwibauern die Kartoffeln. Sondern eine knallharte Auseinandersetzung um den Reichtum der Welt, und die Machtmittel, die in dieser Auseinandersetzung benutzt werden.
Anders als im Kolonialismus akzeptieren Staaten sich heutzutage meist gegenseitig als Souveräne, also als Staaten, die über sich, ihr Land und ihre Leute selbst bestimmen. Um einen anderen Staat zu benutzen, wird er normalerweise nicht mehr besetzt, erobert oder unter ein „Protektorat“ gestellt, sondern mit ihm verhandelt und versucht, über Verträge für die eigenen Interessen gute Ausgangsbedingungen zu schaffen. So geht moderner Imperialismus.
Recht und Erfolg
Anerkannt wird in solchen Verträgen, dass der andere Staat ein Souverän ist, vereinbart wird ein rechtmäßiger wechselseitiger Umgang mit den Bürger:innen des anderen Staates. Und so entwickeln beide Staaten ein Interesse daran, dass die jeweils andere Staatsgewalt das Versprechen, die jeweils eigenen Bürger:innen rechtmäßig zu behandeln, auch einhalten kann. Die Nation entwickelt neben der ordnenden Gewalt im eigenen Land ein Interesse an ordnenden Gewalten in anderen Ländern: Lauter Gewaltmonopolisten finden einander erstmal gut.
Bei dieser freundlichen Kontaktaufnahme zwischen zwei Staaten ist anerkannt, dass der andere Staat ein Staat ist. Nicht anerkannt ist damit, dass die Interessen des anderen etwas gelten. Denn beide Seiten haben das gleiche, und darum zumeist entgegengesetzte Interesse: Den eigenen nationalen Reichtum zu mehren, und dass heißt im Regelfall, den anderen bei der Verfolgung seines Interesses zu behindern.
Auf das Recht eines Staates kann sich ein Nicht-Bürger (also auch ausländische Unternehmen) nur verlassen, wenn sein Staat mit dem anderen Staat dies vereinbart hat und wenn beide Staaten gute Gründe haben, sich an die Vereinbarung zu halten. Rechtssicherheit ist aber Voraussetzung jeder kapitalistischen Betätigung: Wozu investieren, wenn morgen das Unternehmen enteignet oder verboten werden kann? Oder plötzlich die eigenen Produkte mit Zöllen belegt und darum zu teuer werden? Oder plötzlich notwendige Rohstoffe oder Vorprodukte nicht mehr aus dem andern Land ausgeführt werden dürfen?
Damit die heimischen Unternehmen im Ausland gute Geschäfte machen können, müssen alle Voraussetzungen des Geldverdienens eben auch dort gelten: Das Eigentums- und Vertragsrecht und die Möglichkeit das auch irgendwo vor Gericht durchzusetzen. Wenn ein deutsches und britisches Unternehmen einen Vertrag abschließen, dann müssen auch der deutsche und britische Staat in einem Vertrag regeln, wo die Unternehmen ihr privates Eigentumsrecht und die Vertragserfüllung zwischen den Unternehmen erzwingen können.
Alle Verträge zwischen den Unternehmen (und allen anderen) unterstellen, dass ihre Staatsgewalten bereits in gesonderten Staats-Verträgen geregelt haben, wie das abzulaufen hat.
In solchen Staatsverträgen, Vereinbarungen und internationalen Abkommen sind dann z.B: Zölle, technische Standards, Produktrichtlinien, Dienstleistungsvorschriften, Sozial-, Gesundheits- und Umweltstandards usw. enthalten. Auch damit lässt sich regeln, wer zu welchen Märkten Zugang hat – und wer nicht. Die EU ist z.B. eigentlich groß darin, durch technische Vorschriften und Gesundheitsstandards unerwünschte Konkurrenz vom Binnenmarkt fernzuhalten und die europäischen Unternehmen vor der ausländischen Konkurrenz zu schützen.
Weil alle erfolgreichen kapitalistischen Staaten das Gleiche wollen – ihre Kapitalist:innen sollen sich an der anderen Nation bereichern –, stehen sie bei aller vertraglicher „Kooperation“ ständig im Gegensatz.
Bei diesen Gegensätzen wägen die Beteiligten die ganze Zeit über ab, was mehr nützt und mehr schadet. So werden auch die Gewinnaussichten einzelner Unternehmen hin und wieder kalt lächelnd von einer Regierung geopfert, wenn sie sich dafür Vorteile für die Gesamtwirtschaft (z.B. andere Unternehmen, die wichtiger für die gesamte Wirtschaft sind) versprechen. So hat die deutsche Regierung die deutsche Solarindustrie der chinesischen Konkurrenz geopfert, um die Volksrepublik China weiter als einen guten Markt für deutsche Verbrennerautos zu erhalten — was bis vor einigen Jahren ja auch ganz gut geklappt hat.
Mit anderen nicht so erfolgreichen Staaten werden Verträge gemacht, die für eine billige und zuverlässige Rohstoffzufuhr sorgen sollen. Hier sichern die zwischenstaatlichen Verträge häufig nicht das Geschäft von privaten Kapitalist:innen aus den beiden Ländern ab, sondern das Geschäft zwischen privaten Energiemultis und dem Rohstoff-Staat selbst, der ihnen Flächen gegen Pacht zur Verfügung stellt.Weil der Rohstoff-Staat darüber Reichtum bekommt, und für die Untertan:innen sonst wenig Verdienstmöglichkeiten bestehen, gibt es dann eben auch häufig Kämpfe um die Staatsgewalt: Bürgerkriege und Putsche.
Beides sind für entwickelte kapitalistische Länder schöne Gelegenheiten, sich einzumischen und ihren Anspruch, eine Ordnungsmacht zu sein, unter Beweis zu stellen. Und falls ein anderer Staat darauf einsteigt, gibt es besonders mörderische „Bürgerkriege“, die eben auch Stellvertreterkriege zwischen auswärtigen Mächten sind (siehe Libyen, Sudan, Kongo und die westafrikanischen Staaten).
Die sogenannten Industrieländer haben im Kampf um ihren Anteil am Reichtum der Welt natürlich ganz andere Möglichkeiten als die sogenannten „Entwicklungsländer„, also ihre ehemaligen Kolonien. So auch der deutsche Staat. Er ist einer der führenden Staaten, die diese Ordnung mit organisieren, aufrecht erhalten, mit Geld und Waffen absichern und von ihr profitieren. Gleichzeitig konkurriert Deutschland mit den anderen mächtigen Nationen,wie den USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich, wer die Ordnung der Welt wie weit bestimmen kann, welcher Staat seine politischen und ökonomischen Interessen durchsetzen und anderen Staaten ihre Berücksichtigung aufzwingen kann.
Dabei verlassen sich die Nationalstaaten nicht auf den Geschäftssinn ihrer Kapitalist:innen, den Fleiß ihrer Arbeitskräfte, die hohe Qualität der einheimischen Produkte und Dienstleistungen, den guten Willen der Gegenseite oder die Überredungskünste ihrer Verhandlungsdelegationen. Da die Staaten nicht erst seit gestern in Konkurrenz zueinander stehen, haben sie ein weitgefächertes Repertoire an Verhandlungs-, Einschüchterungs- und Erpressungsmechanismen entwickelt: Die sogenannte Diplomatie. Wenn Staaten diplomatisch und „friedlich“ ihre Interessen aushandeln, bzw. sich gegenseitig einschüchtern und unter Druck setzen, dann beinhaltet das immer auch schon die Drohung zu anderen Mitteln zu greifen. Verfängt die Diplomatie nämlich nicht, eskaliert der Konflikt: Durch Embargos, durch die Bombardierung des Staatsgebiets, durch Gewalt gegen seine auswärtigen Staatsbürger:innen und ihr Eigentum, oder eben durch Krieg.
Kriege und Gewalt sind also in einer Welt aus miteinander konkurrierenden, kapitalistischen Nationalstaaten systematisch angelegt; durch sie werden die ständig auftretenden Streitigkeiten über die Machthierarchie unter den Staaten geklärt.
Und so verlängert sich die Konkurrenz um den Reichtum der Welt in eine Konkurrenz um die Machtmittel sie durchzusetzen.
Kleines Zwischenfazit: Der Staat wird von seinem Interesse an kapitalistischem Reichtum dazu angetrieben, sich den Rest der Welt vorzuknöpfen, unterzuordnen und benutzbar zu machen. Damit er das effektiv tun kann, abstrahiert er aber von diesem Interesse, und kümmert sich tatsächlich sehr grundsätzlich um seine Machtposition. Auch wenn das teuer wird, eventuell Reichtum vernichtet und im Fall einer Niederlage nicht mal die Machtposition verbessert.
Eine falsche Erklärung für eine furchtbare Sache:“Die Reichen wollen den Krieg“
Dass es einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Krieg, zwischen wirtschaftlichen Interessen und militärischen Auseinandersetzungen, gibt, ist keine neue Erkenntnis. Allerdings wird dabei häufig behauptet, „die Reichen“ oder „die Kapitalisten“ seien verantwortlich für Aufrüstung und Krieg.
Am 05.12.25 protestierten viele (vor allem junge) Menschen, um gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht zu demonstrieren. Dabei war eine Parole häufig zu hören: „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft!“ . Damit wird behauptet, „die Reichen“ seien die Auftraggeber:innen der aktuellen Aufrüstungs- und Kriegsvorbereitungspolitik seien. Das halten wir nicht nur für falsch (dazu gleich ein paar Argumente), sondern auch für eine Verharmlosung und Entschuldigung. Aber: Nur wer weiß, was die Ursachen von Kriegen sind, kann diese richtig bekämpfen. Darum sind auch zündende Parolen daran zu messen, ob sie stimmen.
Gegen die Behauptung, „die Reichen“ wollten Krieg haben wir drei Gegenargumente:
a) Nicht die Rüstungsunternehmen, sondern die Staaten ordnen die Aufrüstung an
Natürlich gibt es Unternehmen, die von der aktuellen Aufrüstungswelle profitieren. Insbesondere die Rüstungskonzerne verzeichnen immense Gewinne. Aber macht sie das zum Auftraggeber der kriegsvorbereitenden Maßnahmen? Dabei wird immer gerne auf die starke Lobbytätigkeit von Rüstungsindustrie verwiesen. Doch allein, dass die Rüstungskonzerne sich gezwungen sehen, in der Politik für ihr Vorhaben zu werben, widerspricht dem doch. Könnten die Rüstungskonzerne selbst über die Aufrüstungspolitik entscheiden, müssten sie ihr Vorhaben doch nicht wieder und wieder bei der Politik bewerben und dafür auch noch massenhaft Kohle ausgeben. Vielmehr ist der Lobbyismus doch Hinweis für das Gegenteil: Die Politik hat die tatsächliche Entscheidungsmacht.
Auch Korruption und Vetternwirtschaft, die es gibt, sind keineswegs ein Hinweis darauf, dass die Leute mit dem dicksten Geldbeutel die politischen Entscheidungen treffen. Täten sie das, müssten sie nämlich niemanden bestechen. Auch dass abgehalfterte Politiker:innen häufig lukrative Posten bei größeren Unternehmen bekommen, zeigt eher das: Dass die Unternehmen auf deren gute Beziehungen zur Politik setzen. Was sie nicht müssten, wenn sie sowieso die Macht hätten.
Es ist die Politik, die festlegt, wie viel Waffen der Staat wofür kaufen will, und die tut das nicht im Dienst der Rüstungsindustrie, sondern für ihre eigenen Projekte. Anders lässt sich gar nicht erklären, warum der deutsche Staat jahrzehntelang der Bundeswehr einen Sparkurs verordnet hat, weil er sie bloß als eine Interventionsarmee für Auslandseinsätze benötigte.
b) Krieg bringt die Kalkulationen durcheinander
Krieg ist die Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehreren Staaten, die durch den Einsatz ihrer Gewaltmittel das Machtverhältnis zwischen ihnen klären wollen. Der Ausgang ist manchmal ungewiss. Auf jeden Fall hat ein Krieg aber Auswirkungen auf Transportwege und Lieferketten. Es muss dabei gar nicht um Öl und Erdgas oder den Suezkanal gehen, um Auswirkungen darauf zu haben wer wem was verkauft und verkaufen kann. Kapitalistische Unternehmen, die nicht gerade zur Rüstungsindustrie gehören oder sonst wie den Bedarf einer Armee decken, haben von ihrem Gewinninteresse her jedenfalls kein größeres Interesse am Krieg. Denn der bringt Ihnen alle Kalkulationen durcheinander, führt durch Unsicherheit eventuell auch zu höheren Kosten und bringt für den Fall, dass der eigene Staat verliert, auch noch die Aussicht auf deutlich schlechtere Konditionen fürs Geschäfte machen. Hat freilich ein Staat erst mal beschlossen Krieg zu führen, dann sind kapitalistische Unternehmen schnell dabei, dem Staat ganz viele Vorschläge zu machen, wie er Krieg und Sieg so gestalten kann, dass sie ihnen nützen. Und selbstverständlich finden es Unternehmen gut, wenn ihr Staat für sie in die Bresche springt, wenn ein ausländischer Staat sie daran hindert, möglichst große Gewinne zu machen. Aber ob er das tut, haben sie gar nicht in der Hand, sondern der Staat als Gewaltmonopolist. Und die Tatsache, dass es immer auch Unternehmen gibt, die unter dem Krieg leiden zeigt, dass es nicht „die Reichen“ sind, die Krieg wollen. Zumindest ist Krieg für ganz schön viele Reiche gar nicht nützlich; ein gemeinsames Interesse daran können sie also nicht haben. Der Staat entscheidet selbst, und kann dank seiner Gewaltmittel selbst entscheiden, wann Krieg für seine Zwecke nützlich ist. Und geht es dabei um wirtschaftliche Interessen, hat der Staat die Wirtschaft insgesamt im Blick und nicht die Interessen einzelner Akteure, oder bestimmter Kapitalfraktionen. Immerhin ist die Wirtschaft als Ganzes und nicht nur Unternehmen XY seine Machtbasis.
c) Krieg macht Arbeitskräfte teurer
Im Krieg werden dem Arbeitsmarkt massenhaft Arbeitskräfte entzogen. Sie werden eingezogen und gedrillt, und zum Töten und Getötetwerden an die Front geschickt. Für alle Firmen, die vom Staat nicht als kriegswichtig eingeschätzt werden, kann das richtig zum Problem werden, wenn der Staat nämlich der Ansicht ist das alle Männer in einem bestimmten Alter, die nicht unbedingt für Kriegsproduktion benötigt werden, nun ins Feld müssen. Dann fehlen den anderen Unternehmen nämlich die Arbeitskräfte. Hin und wieder führt das dann auch zur Einstellung der Produktion und zur Aufgabe des Unternehmens. Aber auch wenn gar nicht alle eingezogen werden, ist eine solche Verknappung der Arbeitskräfte für ein Unternehmen nicht gut – denn wenn sich Arbeitskräfte ihre Arbeitsplätze aussuchen können, weil es mehr Arbeitsplätze als Arbeitssuchende gibt, dann haben sie eine bessere Verhandlungsposition über die Lohnhöhe. Und das kann teuer werden.,
Auch wenn ein Staat seine bisherige Wirtschaft auf eine Kriegswirtschaft umstellt, also alles Wirtschaften den vorgegebenen Kriegszielen unterwirft, profitieren zwar einzelne Unternehmen, dem Wirtschaftswachstum schadet das aber prinzipiell. Hier wird deutlich, wer der tatsächliche Souverän politischer Entscheidungen ist: der Staat.
Auf die brutale Idee Kriege zu führen kommt der moderne bürgerliche Staat von ganz allein wegen seiner Interessen und seiner Zwecke– und das gilt es zu kritisieren.
Falsche Parolen führen zu falschen Zielen
Ist es nicht egal, welche Parolen gerufen, solange alle sich im Ziel einig sind? Problem: falsche Parolen führen zu falschen Zielen.
Mit der Parole „die Reichen wollen Krieg“ wird nämlich nahegelegt, dass die Politik entweder gar keine Rolle spielt, oder nur die von Handlangern der Reichen / Kapitalist:innen. Das hat gleich zwei Konsequenzen: zum einen wird dem staatlichen Gewaltapparat das Kompliment gemacht, eigentlich selber völlig unschuldig an den Kriegen zu sein, sondern nur das Ausführungsorgan von anderen, bösen (und versteckten) Interessen. Das passt sicherlich zu Leuten, die selber gerne eine staatliche Herrschaft errichten wollen würden. Denn der Staat erscheint so als ein neutrales Instrument, das jeder benutzen kann, wie er oder sie es eben will. Das passt aber nicht zum modernen Nationalstaat. Zweitens wird damit nahegelegt, dass Politiker:innen, die nicht den „Reichen“ dienen, als wahre Diener:innen des Allgemeinwohls nie und nimmer einen Krieg anfangen würden.
Dass Nationalstaaten kapitalistisches Wirtschaftswachstum wollen um sich als Machtapparat zu erhalten, und damit ihre Gesellschaft für ihre Zwecke gut funktioniert, kann und will eine solche Kritik nicht sehen. Sie kritisiert darum auch nicht den Patriotismus als notwendige Voraussetzung und ideologische Rechtfertigung jeder Kriegsvorbereitung, und unterstellt den handelnden Politiker:innen zudem falsche Motive. Sie benennt falsche Verantwortliche und rettet das Ideal vom eigentlich guten Staat, der nur in die richtigen, besseren Hände gelangen müsste.
Die Trennung von ökonomischer und politischer Herrschaft ist wesentlich für den modernen Kapitalismus
Dieser Fehler hat freilich eine lange, deprimierende Tradition. Schon die alte sozialistische Arbeiter:innenbewegung hat geglaubt, dass der Staat bloß das Werkzeug der Kapitalist:innen sei. Das hat schon im 19. Jahrhundert nicht mehr wirklich gestimmt, auch wenn man festhalten kann, dass die bürgerlichen Staaten durchaus eine Zeit gebraucht haben um sich von Bourgeoisie und Adel zu „emanzipieren“ . Die Schlussfolgerung aus dieser Theorie war, dass Kriege nur aus unmittelbar wirtschaftlichen Gründen stattfinden würden und zwar, weil bestimmte Personen / Unternehmen finanziell davon profitieren. Beim erstbesten Krieg, wo dieses Theorieschema nicht passte, hat die Mehrheit der Parteiführer „schweren Herzens“ getan, wovon sie immer geträumt hatten: als gute Patriot:innen für die Vaterlandsverteidigung zu sein. Dass ein Krieg auch dann abzulehnen ist, wenn die eigene Nation ihre Großmachtrolle durchsetzen will, sich eine unterdrückte Nation befreien will, oder sich die Konkurrenzverlierer unter den Nationen eine bessere Stellung erkämpfen wollen, ohne dass sich unmittelbare wirtschaftliche Interessen von Unternehmen dafür hervorzaubern lassen – eben das hat die alte sozialistische Arbeiter:innenbewegung nicht einsehen wollen. So wenig wie sie verstanden hat, dass Patriotismus immer eine Unterordnung unter eine herrschaftliche Gewalt mit ihren eigenen Interessen ist. Herausgekommen ist dabei der erste Weltkrieg mit Millionen von Toten.
Nach dem Ersten Weltkrieg ist dieser Fehler nicht ausgestorben, sondern radikalisiert worden, durch Lenin und die Bolschewiki. Die Leninist:innen aller Schattierungen (egal ob Stalinist:innen, Trotzkist:innen, Maoist:innen oder was auch immer) haben nie verstanden, dass das Wesentliche am modernen Kapitalismus gerade die Trennung von ökonomischer und politischer Herrschaft ist. Ökonomisch herrschen im Kapitalismus die Kapitalist:innen: Sie haben das Eigentum und das nötige Kleingeld, um andere Leute, die das nicht haben, in Dienst zu nehmen, um Gewinn zu erwirtschaften. Weil Kapitalist:innen aber rücksichtslos in der Verfolgung ihrer Interessen sind, gegeneinander, gegen die Arbeitskräfte, gegen die sozialen und natürlichen Voraussetzungen dieser Produktionsweise, braucht es für den funktionierenden Kapitalismus die Beschränkung durch den Staat. Und damit der Staat die Kapitalist:innen auch wirklich beschränkt, und so von der funktionierenden kapitalistischen Wirtschaft profitieren kann, muss er personell und inhaltlich unabhängig von den konkreten Profitinteressen einzelner Unternehmen sein. Und genauso tickt der moderne bürgerliche Staat mit seinen Politiker:innen. Die wollen ihrer Nation, bei den einen heißt das Gesellschaft (Linke, Grüne, SPD), bei den anderen heißt das Volk (CDU/CSU, FDP, AFD), dienen. Um ihre ganz vielen tollen Ideen für politische Projekte umzusetzen, wollen sie den Staat verwalten. Dafür wollen und brauchen sie kapitalistisches Wirtschaftswachstum, und dafür wollen sie darum möglichst viel Macht und Durchsetzungskraft für ihren Staat. (An ihre eigene Karriere denken sie dabei natürlich auch, aber zumeist mit dem Bewusstsein, dass sie eben die besten Diener:innen des Allgemeinwohls sein würden). Genau diese Trennung von politischer und ökonomischer Herrschaft macht den modernen, demokratisch organisierten Kapitalismus so effektiv. Es ist deswegen falsch zu behaupten: „im Kapitalismus herrscht nur der Profit“ (Internationale Jugend) oder es sei die Aufgabe der Bundeswehr „im Auftrag der großen Banken und Konzerne Absatzmärkte, Einflusssphären und Rohstoffquellen in aller Welt zu sichern“ (SDAJ). Den Auftrag gibt der Bundeswehr der Nationalstaat Deutschland, und das tut er in seinem eigenen Interesse. Damit nützt der Staat dem Funktionieren des Kapitalismus, weil er ihn für sich benutzen will. Das ist der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Krieg.
Fazit: Wir sagen: Wer für Deutschland kämpft, verteidigt nicht sich selbst, nicht seine Liebsten oder gar ein „uns“ , sondern die Interessen eines Herrschaftsapparats und die Existenz eines schädlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Und damit auch die staatliche Gewalt über eine:n selbst!
Darum: Wenn ‘Dein’ Land Dich ruft, sag lieber: NEIN!
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Kriegserklärung: Wozu Kriege da sind und wie es zu ihnen kommt